Aus heutiger sicht stellt sich der NS-Staat als technisch-modernistische Konstruktion dar, seine Unmenschlichkeit erscheint unter anderem als ethische Überforderung durch technischen Fortschritt. Doch die Technik schuf erst die Möglichkeiten für die Realisierung des esoterisch-mystisch-okkultistischen Weltbildes, das den Hintergrund für die faschistischen Systemen in Europa bildete.
Alte, gemeinsame Wurzeln
Parallel zum aufkeimenden Nationalismus eines Freiherrn von Schönerer schuf die Russin Helena Petrowna Blavatskay die esoterischen Grundlagen der Theosophie, einer auf Differenz der Hautfarben aufbauenden Lehre von “Wurzelrassen” die später von den Wienern Guido von List und Jörg Lanz von Liebesfeld aufgegriffen und in die Ariosopie übergeführt wurde. Die Theorie der Wurzelrassen vermeint sieben Menschenrassen zu erkennen, wobei es sich bei den Germanen um die am höchsten entwickelte Stufe handelt. Schon in Blavatskays Werkt schwingt stark ein militanter Antisemitismus durch, der die “jüdische Rasse als abnormes und unnatürliches Bindeglied” zwischen der 4. und 5. Wurzelrasse erkennt.
Ihren späteren Einfluss gewannen List und Liebesfeld unter anderem durch Herausgabe von Büchern und Zeitschriften, wie zum Beispiel der Ostara. Wissenschaftlich gesichert ist, dass der junge Hitler während seines Wien Aufenthaltes zu den Lesern der Osttrara-Hefte gehörte.
Esoterik als “Opium des Volkes”
Doch nicht nur der junge Hitler bewegte sich im Dunstkreis von Esoterik und Okkultismus. Im moralisch erschütterten und materiell ausgelaugt Deutschland nach dem I. Weltkrieg wandten sich die Leute in Scharren dem Übersinnlichen zu. Esoterik und Okkultismus waren Massenphänomene und gaben den Verlierern von Krieg und Wirtschaftskrise den Halt, den ihnen ihr Alltag nicht geben konnte. Zahllose Denkrichtungen entwickelten sich, deren Kern die Negation des Rationalen ist. Im Kern zwar selbst nicht direkt faschistisch waren sie jedoch die ideale Ergänzung zum sich entwickelnden Faschismus. Die Tradition der Aufklärung wurde gebrochen und zahllose Kulte entstanden, die sich zwar mit ihrem Suffix “-sophie” (Anthroposophie, Theosophie, etc.) auf die Tradition der Philosophie beriefen, jedoch einen irrationalen, faschistischen Kern beinhalteten in Form von Rassismus und Antisemitismus, Glaube an eigene Vorherbestimmtheit oder Ausgewähltheit, Führergläubigkeit, Antimodernismus, etc.
All diese Elemente vereinigte die 1918 gegründete Thule-Gesellschaft, die es noch mit dem Willen zur Weltherrschaft kombiniert. In ihr vereinigten sich esoterischer Wahn mit politischen Gestaltungswillen, welcher sich dann in Form der “Deutschen Arbeiter Partei - DAP formierte, die in Folge sich in die NSDAP umbenannte. Spätere NS-Größen wie Rudolf Heß und Alfred Rosenberg waren Mitglieder der Thule-Gesellschaft. Sie nahm eine zentrale Rollen in der Opposition zur Weimarer Republik ein, auch wenn die Einschätzungen über ihren Einfluss schwanken.
Institutionen der Esoterik im NS-Staat
Zentrales Zentrum okkultischer und esoterischer Aktivitäten im NS-Staat war die SS. In der von Himmler geschaffenen “SS-Ordensburg” Wewelsburg kamen die SS-Kader für Exerzitien und Konzentrationsübungen zusammen, um die germanischen Kraftlinien der nahe gelegenen Extern-Steine - ein okkulter SS-Tummelplatz im Teutoburger Wald, zu nutzen. Zu späteren Zeitpunkten fand zwar eine Abgrenzung zu den esoterischen Wurzeln statt, die Mystisierung des “Germanischen” blieb jedoch bis zuletzt Kern der NS-Ideologie.
Niedergang und Aufstieg nach 1945
Mit dem Niedergang des NS-Staates waren Mystik und Esoterik passe geworden. Die Menschen suchten ihr Heil nun wieder in den traditionellen Glaubensverbänden der christlichen Kirchen, eine z.B. vom deutschen Bundeskanzler Adenauer massiv geförderte Entwicklung.
Die Esoterik ist jedoch damit nicht vom Erdboden verschwunden. Auch in der heutigen Krise des Subjekts, die den Erschütterungen nach dem I. Weltkrieg nicht unähnlich sind, mit den Tendenzen zur Fragmentierung und Auflösung bestehender Identitätsmodelle in der globalisierte Welt-, Geschlechts-, Sozialordnung geht ein Erstarken von New Age und Esoterik einher.
An Hand des (reduzierten) ideologischen Gerippes dieser neunen gesellschaftlichen Phänomene wird der Charakter einer reaktionären Erneuerung einer Identitätspolitik sichtbar: 1. Es gibt einen fundamentalen, vorgegeben Sinn hinter der sichtbaren Welt; man muss ihn nur (wieder-)finden. 2. Es gibt ein wahres Selbst; man mu8 es nur verwirklichen, indem man seine vorgegebene Sinnbestimmung erkennt und sich mit ihr in Einklang bringt durch Beschreiten “seines Weges” in Form praktischer Exerzitien oder auch einer Therapie(1). Die Erkenntnis von beidem verspricht Heilung, kosmisches Heil, Geborgenheit in einer umfassenden Ordnung.
Mit dem Neuendeckung und der Wiederkehr von Mystik und Esoterik erstarken auch wieder arisophische Denkrichtungen. Insbesonders vor dem Hintergrund, dass mittlerweile (fast) alle Praktiken der Naturvölker durch den Esoterik-Mixer gingen und “verbraucht sind”, entsteht nun ein Trend auf die “Rückbesinnung auf das Eigene”, was zwangsläufig zu den arisophischen Wurzeln des Esoterischen im deutschsprachigen Raum führt und somit eventuellen Germanenkulten eine Pforte in ein Massenpublikum eröffnet.
Schon heute transportiert Esoterik ein gehöriges Maß an Antisemitismus, Rassismus oder Homophobie mit. Dieter Duhm (Szenename Jan van Helsings): “Jeder Auraleser (…) wird ihnen bestätigen können, dass die Aura eines Homosexuellen total aus der Balance ist (…).”
Noch klarer wird die antisemitische Anfälligkeit in Anbetracht der weiten Verbreitung der “Protokolle der Weisen von Zion” oder des Buches “Ein Farbroman” von Trutz Hardo. Während die “Protokolle der Weisen von Zion” vor allem verschwörungstheoretisch Angehauchte ansprechen, stellt “Ein Farbroman” die direkte Legitimierung des Holocaust durch die Karmatheorie dar: “Übrigens waren die KZs Schulen der Demut. (…) Jedem wird in diesem Lager (KZ Buchenwald/Anm.) in konzentrierter Weise das ihm aus karmischer Gesetzmäßigkeit zustehende Schicksal zugewiesen, um seine Verschuldung abzuarbeiten und dadurch frei zu werden.”
Gegenstrategien?
Anhand der geschichtlichen Parallelen wird klar, dass Esoterik keine ungefährliche Erscheinung ist. Nicht nur das mit ihr reaktionär, faschistisches Gedankengut transportiert werden kann, trifft Marx´s Analyse über die Religion auch hier zu: “Religion ist das Opium des Volkes”. Anstatt sich den wirtschaftlichen und sozialen Krisen zu stellen gehen EsoterikerInnen den einfacheren Weg in die innere Emigration. Diese Selbstauslöschung jedes politischen Potenzials stellt auch für die Linke eine Herausforderung dar. Den Suchenden zu vermitteln, dass die Antworten auf die Krisen der Zeit nicht bei Shiva, Budda oder im Nirwana zu finden sind, sondern durch konkrete politische Handlungen erkämpft werden müssen, wird unsere Aufgabe sein.












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