Seit Mitte der 80er Jahre gewinnt Esoterik an Bedeutung in unterschiedlichsten Lebensbereichen und der Markt dafür boomt. Angeboten werden Bücher, Seminare, eine Fülle von Ritualen und Psychotechniken, Lebens- und Gesundheitsberatung, Musik und „Waren aller Art“. Längst ist daraus ein Milliardengeschäft geworden. Dabei handelt es sich keineswegs bloß um harmlose Entspannungstechniken oder dergleichen, denn zwischen Esoterik und der extremen Rechten bestehen eine Reihe von relevanten Querverbindungen – und das ist kein Zufall.
Esoterik bezeichnet seit der Antike ein elitäres, okkultes Geheimwissen und kann aus dem Griechischen mit „zum inneren Kreis gehörig“ übersetzt werden. Heute wird Esoterik als Sammelbegriff für eine Fülle von Lebenssinndeutungen gebraucht und birgt eine gewisse Beliebigkeit in sich. Auf esoterische Ideologie stößt man in den unterschiedlichsten Gewändern: bieder und heimatverbunden, altmodisch und vertraut, schillernd und exotisch, alternativ und jugendlich.
Eines haben jedenfalls alle Erscheinungsformen gemeinsam: Sie widersetzen sich hartnäckig jeder rationalen Auseinandersetzung sowie emanzipatorischen Bestrebungen. Stattdessen bieten sie eine „höhere Ordnung“ bzw. „Ganzheitlichkeit“ und unumstößliche „Naturgesetze“.
Übersinnliche Welten und „Mutter Natur“
Esoterische Spiritualität gewinnt mit der sinkenden Anziehungskraft der großen Religionsgemeinschaften an Bedeutung und stellt sich dabei oft als „progressivere“ Alternative zur Kirche dar. Die Suche nach dem „Heil“ und einfachen Antworten auf drängende Fragen drückt sich allerdings nur verändert aus. Ihre Funktion als „Opium des Volkes“, wie Marx Religion kritisierte, ist nach wie vor gefragt.
Ein Paradigma vieler esoterischer Lehren heißt: „Du bist deines eigenen (Un)Glückes Schmied“. Oft wird das mit jemandes „Karma“ (das durch frühere Handeln bedingte gegenwärtige Schicksal) begründet. „Wer sich derart entpolitisiert und nur noch mit sich selbst beschäftigt, Ausbeutung und Elend mit dem „Karma“ rechtfertigt, Eliten anbetet, Sozialdarwinismus, höhere Wesen, naturgesetzliche Ordnungen und den Kosmos vergöttert, bekämpft alles, was den Menschen von Ausbeutung und Fremdbestimmung befreien könnte.“ (Ditfurth 1996, S 7)
Kult um “Naturgesetze”
Esoterik schreibt der Natur einen Subjektcharakter zu und begreift sie damit als ein Wesen, das denken, fühlen und leiden kann. Um nahende ökologische bzw. gesellschaftliche Katastrophen zu vermeiden, müssten demnach die „Gesetze der Natur“ befolgt werden. Die „Natur“ wird so zur nicht mehr zu hinterfragenden Instanz und der Mensch zu ihrem bloßen Spielball. Dieser Kult um angebliche Naturgesetze wird mittels elitären und rassistischen Unterscheidungen von Menschen auf die Gesellschaft übertragen. (Biologismus) „Arten“, „Rassen“ oder „Wurzelrassen“, diverse evolutionistische Theorien über deren Minder- bzw. Höherwertigkeit und unterschiedliche Wertigkeit von Männern und Frauen sind gegen die soziale Gleichheit der Menschen gerichtet.
Ideologien der Ungleichheit wie Biologismus und Sozialdarwinismus (Übertragung der Evolutionstheorie auf die Gesellschaft und Geschichte) sind zentrale Elemente des Rechtsextremismus. Die Verklärung der Welt und der Kampf gegen Rationalität und Aufklärung zählen ebenfalls zum Standardrepertoire rechtsextremer Ideologien. Dementsprechend ist nicht in „gute“, sinnstiftende Esoterik und „böse“ am rechten Rand zu unterteilen, sondern Verbindungen zum Rechtsextremismus wurzeln im esoterischen Weltbild selbst.
Von der Theosophie über die Thule-Gesellschaft bis zu Jan van Helsing
Die Theosophie, eine mystische Religionslehre mit Elementen östlicher und westlicher Weltreligionen, geht in der heute bekannten Form auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Kern ist die Vorstellung einer übersinnlichen Existenz und eine Rassenlehre, die von höheren Rassen wie den „Atlanto-Arieren“ und niederen wie den „Australnegern“ ausgeht.
Der völkische Antisemit Guido von List entwickelte auf dieser Grundlage die Ariosophie und der erste Sekretär der Theosophischen Gesellschaft, Rudolf Steiner, erfand zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Anthroposophie. Auch diese Lehre baut auf Rassismus, Sozialdarwinismus und Mystifizierung, jedoch wird sie bis heute im Allgemeinen als alternative Pädagogik anerkannt.
1918 wurde die sogenannte Thule-Gesellschaft gegründet. Ihr Symbol war das Hakenkreuz und in ihrer Ideenwelt verbanden sich völkisches Nationsverständnis, heidnischer Germanenkult, antirepublikanische Agitation und vor allem antisemitische Propaganda. Die Thule-Gesellschaft leistete Geburtshilfe bei der Gründung der DAP, die später zur NSDAP wurde. Dass der horoskopgläubige Reichsführer SS, Heinrich Himmler, sich angeblich selbst für die Reinkarnation des „Slawenbezwingers“ Heinrich I. (919-936) hielt, erhellt zwar nicht den Blick auf den deutschen Faschismus, streicht aber die Gefährlichkeit solcher vermeintlich harmlosen Hirngespinste hervor.
Bis heute kursieren beispielsweise die wirren Theorien des „Esoterischen Hitlerismus“, dessen Begründer Miguel Serrano von 1962-70 chilenischer Botschafter in Österreich war. Bei Bedarf wird auch der Holocaust auch als „notwendiges Karma“ zur Abgeltung früherer Taten dargestellt (konservative Katholiken sprechen lieber von den Christusmördern). Jan Udo Holey, besser bekannt als „van Helsing“ ist zum bekanntesten Autor des Genres „Verschwörungsliteratur“ im deutschen Sprachraum avanciert. Er zitiert Seitenweise aus den „Protokollen der Weisen von Zion“, einer längst entlarvten antisemitischen Fälschung und sein (erfolgreiches) Verkaufskonzept scheint auf größtmöglicher Absurdität zu beruhen.
Esoterik ist zu einer wichtigen Verbindungsschiene zwischen der extremen Rechten und der „Mitte der Gesellschaft“ geworden. Selbstredend ist nicht jede/r, der/die sich „alternativen Lebensweisheiten“ zuwendet, Verbindungsmann bzw. –frau der Neonazis, doch diese wissen genau, wie sie Verschwörungstheorien, Rassismus, Biologismus, Germanenkult und Heimatschutz im salonfähigen Mäntelchen für ihre Zwecke einsetzen können.












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