Hintergrundinformation zur Demo gegen den Turmkommers
Immer wieder sind Burschenschaften oder Burschenschafter als FPÖ-Politiker Thema in den Medien. Meist fallen sie durch irritierende Aussagen zur Nazi-Zeit auf. Den letzten dieser Art lieferte der FPÖ-Obmann Strache, Mitglied der schlagenden Schülerverbindung Vandalia, der ebenso wie sein Kollege, FPÖ-Nationalratsabgeordneter und Burschenschafter Zanger einige Monate zuvor, auch gute Seiten am Nationalsozialismus sehen will. Nicht ganz glaubwürdig betont Strache im gleichen Atemzug, dass er sich vom Nazi-Regime distanziere. Der bittere Nachgeschmack bleibt. Da sich solche Aussagen in diesem Milieu ständig wiederholen, lässt sich eine gewisse Absicht vermuten.
Deutschnationale Burschenschaften sind nicht generell als rechtsextrem einzustufen. Dennoch werden einige auch vom Innenministerium als Kader nationalistischer und rechtsextremer Gesinnung bezeichnet. Durch die Mitgliedschaft bei diversen Dachverbänden sind allerdings auch jene Burschenschaften zu kritisieren, die an sich keine Nähe zum Rechtsextremismus ausweisen, aber sich dennoch unter einem Dach mit rechtsextremen Verbindungen befinden.
Rudolf Heß für den Friedennobelpreis?
Dass Burschenschafter immer wieder zweifelhafte Aussagen zur Nazi-Zeit treffen, wie z.B. dass das NS-Regime auch gute Seiten hatte (Autobahnen, Familienpolitik etc.) ist allerdings nur der Gipfel des Eisbergs: So schlug der Dachverband Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) den Nationalsozialisten Rudolf Heß für den Friedennobelpreis vor. Die Grazer Burschenschaft Arminia hält ihren Bundesbruder Ernst Kaltenbrunner, einen Haupttäter der NS-Vernichtungsmaschinerie, noch immer in Gedenken.
In den 1990er Jahren, als die rechtsextreme Szene vermehrt unter den Druck geriet, wurden einige Burschenschaften für viele Neonazis zum Auffangbecken. Mitgliederlisten der Wiener Teutonia oder der Grenzlandsmannschaft Cimbria lasen sich wie Mitgliederlisten der rechtsextremen Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition (VAPO).
Elitäre Männerseilschaften
Burschenschaften zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie elitäre Männerseilschaften sind. Frauen sind dort strikt verboten, was sie als definitiv sexistisch auszeichnet. Auch sind bei vielen Burschenschaften nur Inländer willkommen, was den Burschenschaften wiederum eine rassistische Komponente gibt.
Gerade die rigiden Aufnahmekriterien sowie die Geschlossenheit ihrer Veranstaltungen macht sie für Rechtsextreme interessant. Durch ihre deutschnationale Tradition gibt es potentielle Berührungspunkte zum äußersten rechten Rand.
Burschenschafter als FPÖ-Politiker
Burschenschafter sind auch bekannt als FPÖ-Politiker. Mit der Bildung der blau-schwarzen Regierung im Jahr 2000 kamen mit Dieter Böhmdorfer, Herbert Haupt und Reinhard Wanek auch Burschenschafter in Regierungspositionen. Zahlreiche „alte Herren“ aus den Burschenschaften wurden von der FPÖ-ÖVP-Regierung als Universitätsräte installiert. Es war auch kein Zufall, dass ab dem Zeitpunkt der Regierungsbeteiligung der FPÖ vom Innenministerium kein gesonderter Rechtsextremismus-Bericht mehr herausgegeben wurde. Denn in den Berichten davor waren auch einige Burschenschaften erwähnt worden.
Seit 2006 sind von 19 männlichen FPÖ-Nationalratsabgeordneten 11, nach anderen Zählungen 15, Mitglieder einer Burschenschaft. Gerade nach Abspaltung des BZÖ haben die Burschenschaften, die auch maßgeblich an der Übernahme der FPÖ durch Jörg Haider 1986 mitwirkten, wieder großen Einfluss auf die FPÖ.
Anzweiflung der Shoah
Die Burschenschaft Olympia, die vom Innenministerium als rechtsextrem eingestuft wurde, forderte am DB-Burschentag 1998 die Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes, eine Forderung, die heute auch von freiheitlichen Politikern in abgeschwächter Form öffentlich aufgegriffen wird.
Im Burschenschafter-Zentralorgan „Aula“ wird auch schon einmal die Shoah, die Vernichtung von Juden und Jüdinnen durch die Nazis angezweifelt. Auch ist dort die Rede vom „auf uns lastende(n) althebräische(n) Zinseszinssystem“, von Hitler als „unerwünschte(n), weil erfolgreiche(n) Sozialrevolutionär“, dessen durchgesetztes „Primat der Politik über die Wirtschaft (…) gewissermaßen das Todesurteil der kapitalistisch geführten Welt heraus(forderte).“ All das und vieles mehr kann jedoch hochrangige FPÖ-Funktionäre nicht davor abhalten, weiter in der Aula zu publizieren. Nach wie vor bezeichnet die FPÖ selbst die Freiheitlichen Akademikerverbände (FAV) und die von diesen herausgegebene Aula als ihre „Vorfeldorganisationen“.
Der Linzer „Anschlussturm“
Den Linzer „Anschlussturm“, den der von 5. Bis 7. Oktober 2007 geplante Kommers würdigen will, bewertet das „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ als „steinerne Anschlusspropaganda“ und damit als „permanenten Verstoß gegen den Staatsvertrag“. Denn Artikel 4 des Staatsvertrages verpflichtet Österreich, „großdeutsche Propaganda“ zu verhindern.
Entgegen den Behauptungen der Burschenschaften ist „Anschlussturm“ keineswegs eine harmlose geographische Bezeichnung. Schon 1928 erklärte die „Deutsche Burschenschaft“, dass „der Turm in Linz (…) zu einem Anschlussdenkmal ausgebaut werde“. Vor der „Weihe“ am 15. und 16. Oktober 1932 wurde deshalb am Turm die Inschrift „Ein Volk, ein Reich“ angebracht. Und noch heute nennt die „Deutsche Burschenschaft“ den „Anschlussturm“ auf ihrer Homepage eine „Erinnerungsstätte daran, dass es über die Grenzen und die Einzelstaatlichkeit hinaus ein geistiges Band gibt, welches den gesamten deutschen Volks- und Kulturraum umfasst.“ Nicht zufällig weht über dem Turm noch immer eine Fahne in den deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold.
Mehr Infos findest du hier als Download:
\”Durch Reinheit zur Einheit\”. Zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich.












trackback für eintrag